Geschichte

Das KZ-Nebenlager wurde am 2. August 1943 unter dem Namen „KL Wiener Neudorf“ gegründet und war eines von über 50 Nebenlagern des KZ Mauthausen. Es lag großteils auf dem heutigen Gemeindegebiet von Guntramsdorf.

Das ca. zwei Hektar große Konzentrationslager umfasste 22 Wohnbaracken, zwei Krankenbaracken, sechs Waschräume, WC-Baracken, Lagerschreibstube, Küche und Werkstätte. Es war mit Stacheldraht und einem elektrisch geladenen Zaun umgeben und durch Wachtürme bewacht. Das nördlich davon angeordnete SS-Lager bestand aus insgesamt 6 Baracken und hatte eine Fläche von zirka 14.000 Quadratmetern. In der folgenden 3D Animation wird das KZ-Gelände dargestellt. 

3D-Animation des Lagers

Das KZ Guntramsdorf / Wiener Neudorf wurde 1943 auf dem Gelände eines von fünf bereits seit 1941 bestehenden, riesigen Bau- und Zwangsarbeiterlagern der Flugmotorenwerke Ostmark errichtet.

Mit zusätzlichen Arbeitskräften aus dem KZ Mauthausen sollte der schleppend verlaufende Aufbau und später die Produktion der Flugmotorenwerke beschleunigt werden. Aus Mauthausen wurden daher vor allem Häftlinge, die über Erfahrung in der Metallverarbeitung und mit Bauarbeiten besaßen, angefordert.

Der kommissarische Werksleiter der Flugmotorenwerke, Georg Meindl, nutzte seine ausgezeichneten Beziehungen zu Reichsmarschall Hermann Göring und zur SS. Meindl schrieb am 14. Juli 1943 direkt an den Reichsführer-SS Heinrich Himmler:

Ich habe Ihnen anläßlich der Zusammenkunft am Flugfeld in Graz berichtet, daß der Herr Reichsmarschall mich direkt beauftragt hat, die Flugmotorenwerke in Wiener Neudorf………, in allerkürzester Zeit zum Anlauf zu bringen……Die allergrößten Schwierigkeiten bestehen auf der Seite des Arbeitseinsatzes. Ich bitte Sie daher, Reichsführer, zu genehmigen, daß per sofort in Wiener Neudorf ein Außenlager des KL Mauthausen erstellt wird, mit einer Belegstärke von ca. 2.000 Mann, … Für den Aufbau des Lagers steht ein Bauarbeiterlager als Grundstock zur Verfügung, das in Wiener Neudorf direkt neben dem Werk liegt, und das in kürzester Frist als KL installiert werden kann. „

Tatsächlich wurden danach bis zu 3.170 KZ-Häftlinge (Höchststand Sept. 1944) aus Mauthausen zwischen 1943 und 1945 in den Flugmotorenwerken, den Firmen Steyr-Daimler-Puch AG, Rella & Co., Hofman und Maculan, Himmelstoß und Sittner, Ing. Czernilowski und Saurerwerke Zehethofer sowie in kleineren Betrieben und der Landwirtschaft in den Gemeinden Inzersdorf, Himberg, Schwechat, Guntramsdorf, Laxenburg, Fischamend und Wien als Zwangsarbeiter eingesetzt.

 

Tor des KZ in Guntramsdorf, dahinter Baracken. Quelle: Mauthausen Memorial
Die riesigen Hallen des Flugmotorenwerkes in Wr. Neudorf (FOW). Quelle: HGM Wien

Trotz des enormen Einsatzes von Arbeitskräften und Material – insgesamt sollten bis zu 20.000 Arbeiter direkt oder indirekt für die Flugmotorenwerke arbeiten–, war das gesamte Unternehmen nicht nur menschlich sondern auch wirtschaftlich ein Desaster.

Statt wie geplant bis zu 1.200 Motoren pro Monat wurde zum Höchststand eine Produktion von gerade 365 Stück im April 1944 erreicht. Diese Zahl sank bis August 1944 auf 120 Motoren, im September auf 98, im Dezember auf 77. Im Frühjahr 1945 kam die Produktion gänzlich zum Erliegen.

Insgesamt wurden von den Flugmotorenwerken Ostmark, dem kostspieligsten Rüstungsprojekt der NS-Zeit, nur zirka 3.000 Motoren gefertigt. Die Flugmotorenwerke wurden nach dem Krieg von Wirtschaftswissenschaftlern als die größte Fehlinvestition der deutschen Kriegswirtschaft bezeichnet. Sie hatten eine Investitionssumme von 350.000.000,- Reichsmark verschlungen.

Ab Mai 1944 wurde das Flugmotorenwerk von den Alliierten mehrmals bombardiert. Auch das KZ an der heutigen Guntramsdorfer Industriestraße wurde bei den Bombenangriffen durch insgesamt 14 Bomben getroffen und stark beschädigt. 

Die US-Bombenangriffe, die eigentlich den Produktionsanlagen des Werks galten, forderten so auch 31 Opfer im KZ. Unter anderem wurde die Krankenstation des KZ direkt getroffen. Danach wurde das KZ von Guntramsdorf ins benachbarte Wiener Neudorf (spätere EUMIG- bzw. Palmers-Gründe) verlegt.



Luftbild der US Air Force
 von den
Bombenangriffen auf die Flugmotorenwerke (Bildmitte) in Wiener Neudorf
Im Süden: Neu Guntramsdorf
Im Süd-Westen: Rinke- und Ozean-Teich
Im Zentrum des Bildes: IZ-NÖ Süd/Wiener Neudorf

Das obige Luftbild stammt vom 63. Einsatz der 461st Bombardement Group
(recherchiert von Christian Temper, Wr. Neudorf):

Originaltext:
Target: Wiener Neudorf Aircraft Engine Factory, Austria
The Group continued the use of pathfinder methods with a formation of four flights against the Wiener Neudorf Aircraft Engine Factory in Austria on 16 July.  Bombing through an almost complete undercast, the Group missed the target when the bombs fell short and to the right.“

Das so genannte „Neue Lager Wiener Neudorf“ lag östlich von Mödling, auf einem Gelände südlich der heutigen Shopping City Süd (SCS) und nördlich des Ortszentrums von Wiener Neudorf, „Mitterfeld“ genannt.

Die Häftlinge wurden auch regelmäßig zur Behebung von Bombenschäden und zur Bergung von Blindgängern eingesetzt. Im Jahre 1945 wurden die Arbeitskommandos fast gänzlich aufgelöst und die Häftlinge beim Luftkriegseinsatz in Wien und Schwechat beschäftigt.

Am 2. April 1945 wurde schließlich auch das neue KZ-Nebenlager in Wiener Neudorf wegen der bereits herannahenden russischen Truppen geräumt. Die damals noch im Lager befindlichen Gefangenen mussten, trotz ihres schlechten körperlichen Zustandes, bei der „Evakuierung“ von Wr. Neudorf zu Fuß zurück ins über 180 Kilometer entfernte KZ Mauthausen marschieren.

Es war ein Todesmarsch: die Lagerwache erschoss noch vor Beginn des so genannten „Evakuierungsmarsches“ am 2. April 1945 38 marschunfähige Häftlinge und trieb die übrigen 1743 Häftlinge 13 Tage zurück Richtung Mauthausen.

146 Menschen wurden bis zur Ankunft in Mauthausen „auf der Flucht erschossen“ – die meisten nur, weil sie dem Tempo der Marschkolonne aufgrund ihres körperlichen Zustandes nicht mehr folgen konnten. Einige Quellen sprechen sogar von bis zu 243 Erschießungen alleine während des Todesmarsches.

Am 14. April 1945 langten die Überlebenden des Todesmarsches im Hauptlager Mauthausen ein, das kurz darauf, am 5. Mai 1945, von amerikanischen Truppen befreit wurde.

Noch knapp vor Kriegsende bargen die Firmen Daimler-Benz und Steyr-Daimler-Puch einen Großteil der Maschinen aus Wiener Neudorf und verlagerten sie z. B. nach Kirchbichl in Tirol.

Die restlichen Maschinen wurden ab Mai 1945 von der sowjetischen Armee demontiert und in die UdSSR transportiert. Die Werkshallen wurden in den Fünfzigerjahren (1950-1952) gesprengt. Das Verwaltungsgebäude war schon am 9. August 1946 einem Brand zum Opfer gefallen.

Der von die riesigen Flugmotorenwerken verbliebene Schutt wurde – wie Zeitzeugen berichteten – in den Nachkriegsjahren von der lokalen Bevölkerung lange Zeit als Baumaterial oder auch als Brennholz verwendet. Heute stehen in Guntramsdorf und Umgebung noch Gebäude, die aus den Baracken der Zwangsarbeiterlager erstellt wurden.

Das weitläufige, heideartig verwilderte Gelände der ehemaligen Flugmotorenwerke Ostmark und die vielen darauf befindlichen Reste von Produktions- und Bunkeranlagen waren jahrelang – bis zu deren Bebauung mit Gewerbe-, Industrie- und neuerdings auch Wohnbauten – ein beliebter „Abenteuerspielplatz“ von Kindern und Jugendlichen aus Guntramsdorf und Umgebung.

Bis in die späten 1980iger-Jahre gab es in diesem Zusammenhang vor Ort regelmäßig – teilweise nicht ungefährliche – Funde von Kriegsrelikten, wie Gewehren, Helmen, Munition, persönlichen Ausrüstungsgegenständen von Soldaten etc.

Das „Flugmotorenwerk“ selbst und auch die fünf riesigen „Arbeitslager“, waren der lokalen Bevölkerungnatürlich vor und nach dem Krieg durchaus bekannt. Das sich dort auch ein relativ großes Nebenlager des KZ Mauthausen befand, geben bzw. gaben nur wenige der Zeitzeugen an, gewusst zu haben.

Das KZ-Nebenlager Guntramsdorf/Wiener Neudorf geriet so bis in die frühen 1990iger-Jahre, als die Pfarre Neu-Guntramsdorf erstmals vor Ort mit Recherchen und Zeitzeugenbefragungen begann, weitgehend in Vergessenheit. Die Schaffung einer Gedenkstätte vor Ort und schlussendlich auch die Gründung des neuen Gedenkvereins im Sommer 2005, gehen auf diese ursprüngliche Initiative der Pfarre zurück.

Heute ist ein Großteil des Geländes der ehemaligen Flugmotorenwerke als „Industriezentrum NÖ/Süd“ (EcoPlus) erschlossen und bebaut. Das ca. zwei Hektar Grundstück (siehe folgenden Lageplan) auf dem sich das eigentliche KZ befand, ist jedoch bis dato großteils unverbaut – die Grundmauern der Baracken und vereinzelte Bunkeranlagen sind dort noch erhalten.

Das aus den Flugmotorenwerken entstandene Industriezentrum Niederösterreich Süd ist heute das größte Gewerbegebiet Österreichs. Es erstreckt sich über die Gemeindegebiete von Wiener Neudorf, Guntramsdorf, Biedermannsdorf und Laxenburg. 2005 waren auf dem rund 280 Hektar großen Gelände etwa 250 Unternehmen mit über 10.000 Mitarbeitern ansässig.

Lageplan der „Flugmotorenwerke Ostmark“ in Guntramsdorf/Wr. Neudorf (1943-1945)


Bildquelle : www.turbo.at/geheimprojekte/t_wnost.html

Weitere umfassende Informationen zum KZ Guntramsdorf/Wiener Neudorf (und allen anderen KZ in Österreich) sowie zahlreiche Literaturhinweise finden Sie auf den Webseiten des Mauthausen Memorial (Bereich Außenlager).

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