Zeitzeugen

Zeitzeugen-Berichte aus Guntramsdorf

Bericht von Frau Friederike Dobner (erstellt 1995)

„Das Flugmotorenwerk befand sich am Gelände des heutigen Industriezentrums, von der Triesterstraße bis Richtung Laxenburg und bis zur heutigen Autobahn. Nebst allen Nebengebäuden und Bürogebäuden sowie 18 Hallen, in denen Frauen ohne Kinder dienstverpflichtet waren. Es waren ungefähr 18.000 Personen, es können aber auch mehr gewesen sein. Es gab Werksküchen und sanitäre Räume mit Duschgelegenheit.

Ich war Halbtags beschäftigt. Wir hatten Schrauben für die Flugzeugerzeugung zu vermessen. Es wurde uns gesagt, man müßte genau arbeiten, da das Leben der Piloten davon abhängen könnte. Die Frauen kamen aus der ganzen Umgebung, auch von Wien.

Da die Männer immer wieder zum Militär geholt wurden, kamen alle möglichen Hilfswilligen oder Kriegsgefangene, später auch Soldaten aus dem Lazarett Laxenburg, zum Einsatz. Nachdem auch diese wieder einrücken mußten, kamen KZler. Am Ende des Werksgeländes wurde ein KZ-Lager eingerichtet. Am Morgen wurden diese Menschen zur Arbeit gebracht.

Sie hatten keine Schuhe, nur Holzpantoffeln, damit sie nicht laufen konnten. Bewacht wurde mit SS-Soldaten, mit Bluthunden, die ganz gerne bissen, wenn sie dazu angefeuert wurden …

Die Menschen waren halb verhungert. Beaufsichtigt wurden sie von Capos, diese waren sehr unangenehm. Sie trugen verschiedenfarbige Streifen auf der Brust. Man kannte bald, welche politische Häftlinge waren. Die Capos aber waren Verbrecher oder auch Mörder …

Nachdem wir bald darauf kamen, daß die armen Teufel Hunger hatten, haben wir angebissenes Brot oder Obst in die Papierkörbe geworfen; man hat sie länger angeschaut und diese Menschen nahmen das Brot heraus und aßen es gleich auf. Die Capos aber waren auch gierig auf das Brot. Es war ein gefährliches Unternehmen auch für uns, was auch böse Folgen haben konnte. (Straflager in Maria Lanzendorf)

Bei Fliegeralarm wurden zuerst die KZler weggebracht, auf den Eichkogel, und erst bei Kuckucksruf durften wir weggehen.

Nach den Bombenangriff auf Guntramsdorf 1944 wurden alle Frauen entlassen und in anderen Betrieben untergebracht.

Ich kam nebst anderen Frauen zur Firma Klinger nach Gumpoldskirchen. Auch hier dasselbe „Spiel“ … Hilfswillige, Kriegsgefangene, Franzosen, Italiener mußten hier bis Ostern 1945 arbeiten. Erst bei Tag und später bei Nacht. Bei Fliegeralarm wurden zuerst die Gefangenen und dann erst die Frauen in den Luftschutzkeller gebracht. Die Keller aber waren meist so überfüllt, so daß wir in den Wald gingen, bis wieder Entwarnung gegeben wurde. Nachher hieß es: Zurück zur Arbeit!

Rund um das Flugmotorenwerk gab es Fliegerabwehrstellen, auch bei uns am Ende der Birkengasse war eine Batterie. Am Eichkogel kann man heute noch die Anlage sehen. Beim KZ waren die Kanonen eingegraben. (Abwehrkanonen mit Streifen der abgeschossenen Feindflieger …)

Am Anfang der Angriffe wurde vernebelt, deshalb wurde auch Guntramsdorf bombardiert. Die Druckfabrik hatte einen hohen Rauchfang und so nahm man an, daß hier das FO Werk begann. Nach dem Angriff mit vielen Toten und zerstörten Sachwerten wurden unsere Häuser samt Dächern schwarz gestrichen. Es nützte nicht viel, das Ende kam mit Schrecken.“

Erinnerungen von Karl Baumgartner (erstellt 1995)

„Vis-a-vis von meinem Elternhaus hatte eine jüdische Familie ein kleines Textilgeschäft. Herr Glaser Max, so hieß der Textilhändler, war täglich bei uns. Mit meinem Vater war er per Du. In den letzten Märztagen 1938 wurde Glaser mit Frau und zwei Kindern ins KZ gesteckt. Man hörte nie mehr etwas von ihnen. Mein Vater sagte: „Das hätte ich nicht gedacht, daß sie den nicht reichen Max umbringen.“

1938 wurde das heutige Neu Guntramsdorf gebaut mit dem Namen „Holzwebersiedlung“, benannt nach dem Dollfußmörder Holzweber. Es sollte eine Gartenstadt für alte Kämpfer werden (solche Kämpfer wie Holzweber).

Nach Kriegsbeginn wurde auf dem heutigen Industriezentrum-Süd ein Flugmotorenwerk errichtet. Um das Werk herum wurden fünf Barackenlager für Arbeiter errichtet. Daß dies keine freiwilligen Arbeiter waren, lag auf der Hand. Ein Lager für Kriegsgefangene, Russen, Franzosen und Zwangsarbeiter. In den späteren Jahren wurde ein Lager eine Außenstelle von Mauthausen.

Wie die Menschen, die einer anderen Ansicht oder Juden waren, behandelt wurden, habe ich selbst erlebt. Im Winter 1944/45 fuhr ich des öfteren, wenn ein Kutscher ausfiel, mit den Pferden zum Fuhrwerken in das 5er Lager (das war beim Friedhof), KZler mußten für das Barackenlager Grundfestungen ausheben. Maschinen gab es damals nicht. Bei der Essensausgabe, die ein Capo ausgab (Capo war auch ein KZler, meistens ein Krimineller, so eine Art Vorarbeiter) sah ich einmal, wie sich ein KZler vordrängte. Der Capo schlug mit einem eisernen Schöpfer auf seinen Kopf, daß das Blut spritzte. Mit dem blutigen Schöpfer ging die Essensausgabe weiter.

Einige Tage später war ich wieder im 5er-Lager. Zwei KZ Wächter machten sich ein Feuer zum Wärmen. Der eine Wächter schickte einen KZler zum Holzholen. Der andere schoß ihn wie einen Hasen nieder. Wie ich später hörte, gaben die Wächter an, er wollte fliehen.

Zu dieser Zeit kam man schneller ins KZ als man denken konnte. Wo heute das Rasthaus Hiksch auf der B17 ist, führten KZler bei der Badner-Bahn Gleisarbeiten durch. Eine Frau aus den nebenliegenden Häusern brachte den KZlern heimlich Brot. Irgend jemand sah dies, zeigte sie an und sie kam ins KZ.

Wer damals körperlich oder geistig behindert war – ich kannte etliche Guntramsdorfer, sogar ein Onkel von mir, er fiel als Kind vom Dachboden und hatte einen Höcker, also auch arbeitsunfähig – solche Personen waren nichts wert zu dieser Zeit. Sie wurden abgeholt, es hieß zur Behandlung. Nach etlichen Wochen kam ein Schreiben: „An Lungenentzündung gestorben. Wenn Sie die Urne wollen, zahlen Sie RM 50,- ein.“

Diese Zeit sollte nie in Vergessenheit geraten!

Vor 20 Jahren hätte ich noch gesagt, diese Zeit wird es nie wieder geben, heute bin ich durch das politische Geschehen nicht mehr so sicher.“

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