Todesmarsch

Der Todesmarsch

Der Lagerarzt des KZ-Nebenlagers Guntramsdorf/Wiener Neudorf, Dr. Rolf Busch-Waldeck, – er war selbst Häftling – hat neben unzähligen Leichenbeschauen auch den 13-tägigen Todesmarsch der Häftlinge nach Mauthausen akribisch protokolliert. Er schmuggelte seine Aufzeichnungen in seiner Medikamentenkiste und übergab alle Unterlagen zu Kriegsende den US-Truppen.

Seine Aufzeichnungen wurden so die Grundlage für zahlreiche Verurteilungen und halfen nach dem Krieg mit die Morde an über 200 Personen aufzuklären.

Heute sind sie eine der wenigen erhaltenen Aufzeichnungen direkt aus und über das KZ-Nebenlager in Guntramsdorf/Wiener Neudorf. Waldecks Aufzeichnungen geben uns Einblick in den schrecklichen Lageralltag und sind ein unauslöschlicher Beleg für die Gräuel der NS-Zeit.

Hier finden Sie Originalabschriften und Scans von Busch-Waldecks tagebuchartigen Marschprotokollen. Sie stammen aus dem Archiv des Mauthausen-Memorial des Bundesministeriums für Inneres


Die Original-Aufzeichnungen des Lagerarztes über den 13-tägigen Todesmarsch

Auszug aus den Erinnerungen des LagerarztesOriginal .pdf zum Todesmarsch
Montag, 
2. April 1945
„Der Todesmarsch hat begonnen. Jeder Häftling trägt seine zwei Decken, zwei Brote und zwei Konservendosen in den Händen. Wir vom Revier tragen außerdem noch die Sanitätstaschen. Das ist sehr lästig und ermüdet sehr. Hinter uns stapfen fluchend die Häftlinge mit der Medikamentenkiste. Die Kiste ist viel zu schwer. In den Straßen von Mödling ist noch alles leer. Kaum das wir einem Menschen begegnen. Es ist Ostermontag, wahrscheinlich schlagen noch alle. Wir biegen rechts ab und sind bald auf einer gepflegten Straße, links dehnen sich Felder, rechts ist Wald. Neben mir der Soldat zieht seine Uhr. „Achte ist’s“ sagt er, da peitscht vorne ein Schuss ….“

1. Marschtag
Dienstag, 
3. April 1945
„Beim Morgenappell vor dem Weitermarsch stellt die SS fest, dass in der Nacht ein Luftwaffensoldat und vier Häftlinge geflüchtet sind.

An diesem zweiten Marschtag mehrten sich die Fälle von Durchfallerkrankungen. Unser Vorrat an Kohletabletten und Tannalbin war bald erschöpft, doch verschafften der STG Ullmann und der SS-Fourier Raasch reichlich Ersatz. Die Durchfallerscheinungen schwächten natürlich die Häftlinge sehr, und es kam wieder zu sehr vielen Erschießungen, die ich z. T. selbst gesehen habe. …“

2. Marschtag
Mittwoch, 
4. April 1945
„In der Nacht sind wieder einige Häftlinge geflüchtet, darunter einer, den die SS in Uniform gesteckt hatte. Die SS veranstaltet keine Suchaktion, sie rächt sich auch nicht an den übrigen Häftlingen. Bei der SS muss man immer auf Überraschungen gefasst sein. Der heutige Marschtag brachte uns ein derartiges unbegreifliches Erlebnis. Es war am Nachtmittag, die SS hatte wieder unermüdlich Häftlinge abgeknallt, Tote säumten den Wegrand. …“

3. Marschtag
Donnerstag, 
5. April 1945
„Bisher sind 97 Kameraden erschossen worden, 34 Kameraden sind geflüchtet. Bis Mauthausen ist es noch weit, wir marschieren unendlich langsam, kreuz und quer durch das Gelände. …“
4. Marschtag
Freitag, 
6. April 1945
„Heute haben wir die Donau überquert, auf einer großen Fähre, die immer hinüber und herüber fuhr, bis der letzte Häftling am anderen Ufer war. Nicht alle kamen drüben an, der Blockführer Kaldun stieß drei Kameraden von Fähre ins Wasser. Kaldun sagte: „Die wollten schwimmen lernen.“ ….“

5. Marschtag
Samstag, 
7. April 1945
Heute hatte wir weniger Tote. Die Qualitätsauslese hat stattgefunden. Die körperlich schwachen Häftlinge sind inzwischen abgeschossen worden. Was jetzt noch da ist, müsste nach menschlichem Ermessen den Marsch überstehen können. Es hängt natürlich alles von der Beschaffenheit des Schuhwerks und den Launen der Bewachungsmannschaften ab, und davon, ob hinreichende Verpflegung angeliefert wird. ….“
6. Marschtag
Sonntag, 
8. April 1945
Träge schleppt sich unser Zug dahin. Die Begeisterung für Schmutzler ist verflogen. Der FOW*-Direktor Taavs ist nicht mehr bei uns. …“
(*Flugmotorenwerke Ostmark)

7. Marschtag
Montag, 
9. April 1945
HauptmannStier ist verschwunden, – geflüchtet! Vormittags hat er noch zwei Häftlinge erschiessen lassen, dann gab er sein Fahrrad einem Soldaten in Aufbewahrung, kletterte in das Führerhaus des kleinen LKW und setzte sich neben den Fahrer. Der Wagen bog dann plötzlich rechts ab. …“
8. Marschtag
Dienstag, 
10. April 1945
Hunger! Seit vorgestern Mittag haben wir nichts mehr gegessen. Träge, müden und hungrig wälzt sich die Kolonne vorwärts. …“

9. Marschtag
Mittwoch, 
11. April 1945
Der österreichische Blockschreiber Viktor Roy, der jetzt in Luftwaffenuniform neben mir geht, sagt: „Jetzt sind wir bald in Mauthausen. Aber ich werde vorher abhauen…“

10. Marschtag
Donnerstag, 
12. April 1945
Heute sahen wir auf der gegenüber liegenden Seite des Tales einen langen Zug anderer KZler marschieren, sahen, wie dort wie dort Häftlinge erschossen oder erschlagen wurden. …“
11. Marschtag
Freitag, 
13. April 1945
Morgen sind wir in Mauthausen! Wir könnten schon heute dort sein, aber Schmutzler will oder soll erst morgen in den Vormittagsstunden einmarschieren. Deshalb müssen noch einmal, knapp eine Stunde vom Lager entfernt im Freien übernachten. Wir haben den Rastplatz schon vor 14 Uhr bezogen. …“
12. Marschtag
Samstag, 
14. April 1945
Als ich fröstelnd erwache, graut schon der Morgen. Ich setze mich auf und hauche in die klammen Hände, reibe mir die Arme und Beine. Sobecki und Lazar schlafen noch fest. Über der Wiese liegt silbrig schimmernder Nebel. …“
13. und letzter Marschtag
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